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„Zeichne" dein Bild vom Mittelalter

Liebe Frau Lutz- Sikora,
ich spreche Sie jetzt direkt an, weil ich gerne noch einmal auf Ihre und meine unterschiedliche Vorstellung vom Mittelalter kommen möchte.
Sie erinnern sich sicher noch, daß Sie uns baten, Ihnen möglichst einfache Begriffe oder Formen zu nennen, die unser Bild vom Mittelalter darstellten. Dabei wurde ein „Schwert" genannt, ein „Dreieck", ein „Kreis".
Als ich „Viereck" vorschlug, mit der Begründung, das Mittelalter sei meiner Meinung nach so eine grobe, „kantige" Zeit gewesen, waren Sie nicht einverstanden und nannten als Begründung die feine und weit entwickelte höfische Dichtkunst.
Dabei bekommen wir durch unser Deutschbuch meiner Meinung nach hauptsächlich ein Bild von dieser Seite des Mittelalter.
Minne singende Ritter, gelehrte Mönche, Hoher Sang: das alles ist echte Kunst.
Der Kampf dagegen, die harte Arbeit, wird zwar als Pflicht des Ritters genannt, dabei aber hauptsächlich als Möglichkeit gezeigt, sich „Ehre" zu erwerben.
Und was ist mit blutigen Raubzügen, bei denen die Feinde gnadenlos abgeschlachtet werden, mit hohen Türmen und massigen Burgen, die aus groben Steinen gemauert sind und als Fenster nur Schießscharten haben?
Was ist mit stinkenden Rittern, die sich wochenlang nicht gewaschen haben, mit Saufund Freßgelagen, mit dumpfen Vorurteilen in einem engen Weltbild, in dem ein armer Bauer keine Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg hat und wo Frauen als Hexen und Menschen mit neuen Ideen als Ketzer verbrannt werden?
Ich glaube gar nicht, daß Sie bei Ihrem kurzen „Brainstorming" überhaupt die Absicht hatten, ein ganz komplettes Bild des Mittelalters zusammenzubringen, aber für mich gehört zu diesem „Bild" eben auch unbedingt die grobe Seite, außerhalb des privilegierten Ritterstandes, der die Zeit und die Finanzen hatte, für die Frauen der holde Retter zu sein und sich um die hohe Kunst der Minne und des Wettkampfes zu bemühen.

Deutsch: Hausaufgabe vom 10. 12. 96    S. Z. 11a / 10.12.1996